Zeitreise durch Wetzlar
Mein Name ist Dr. Irene Jung; ich bin die Stadtarchivarin in
Wetzlar. Ich möchte versuchen, Ihnen mittels Worten und Bildern
Ihre neue Partnerstadt und deren Geschichte vorzustellen.
Wetzlar liegt verkehrsgünstig zwischen Taunus und Westerwald am
Zusammenfluß von Lahn, Dill und Wetzbach. Nach letzterem trägt es
seinen Namen, der "befestigte Stelle; herausgehobener Platz an der
Wetz" bedeutet. Wahrscheinlich gehörte das Land einem König. Die
Endung -lar deutet auf eine Entstehung Wetzlars im 6. oder 7.
Jahrhundert hin.
Im 9. Jahrhundert, es soll 897 gewesen sein, hat Bischof Rudolf
von Würzburg eine Kirche geweiht. Der Bischof stammte aus dem
mächtigen Adelsgeschlecht der Konradiner, die auch deutsche Könige
stellten. Um 940 gründeten zwei mit den Konradinern verwandte
Herzöge das Marienstift.
Mit dem Stift wuchs auch die benachbarte Siedlung Wetzlar, die
schließlich 1141 erstmals erwähnt wurde. Wetzlar hatte im 12.
Jahrhundert bereits eine gewisse Bedeutung erlangt, denn
Bild Kalsmunt
- auf dem Berg Kalsmunt ließ der Staufer Friedrich Barbarossa
eine mächtige Reichsburg errichten und mit Münzrecht versehen
- die kleine Stiftskirche wurde zu einem beeindruckenden
spätromanischen Kirchenbauwerk umgestaltet
- Friedrich Barbarossa, der spätere Kaiser Friedrich I,
bestätigte 1180 "seinen Wetzlarer Bürgern" ihre Rechte, die denen
der großen Reichsstadt Frankfurt glichen.
Bild Fahlbusch-Karte
- Auf dieser Rekonstruktions-Karte sehen Sie, daß die Anlage
Wetzlars als mittelalterliche Stadt in jener Zeit, im 12.
Jahrhundert, entstand. Mehrere Marktplätze und die wichtigsten
Durchgangsstraßen waren bereits festgelegt. Wir sehen deutlich, wie
sich die Stadt in Kreisen um das Stift herum legt und nach Süden
hin immer stärker ausdehnt. Auf der Karte sind die geistlichen
Niederlassungen hervorgehoben, aber auch die für den Wohlstand so
bedeutende Hohe Straße von Frankfurt nach Köln.
Bleiben wir zunächst bei der politischen Entwicklung
Wetzlars.
Bild Gallusmarktrecht
- Die Privilegienbestätigung von 1180 bildete den Auftakt zu
einer Reihe weiterer Rechtstitel. Z.B. wurde der Stadt 1318 das
Recht verliehen, in der Woche nach dem St. Gallus-Tag (16. Oktober)
einen Markt abzuhalten. Dieser Gallus-Jahrmarkt findet heutzutage
wieder regelmäßig statt.
Wetzlar war eine Stadt der Handwerker und Kaufleute, die im 12.
und 13. Jahrhundert einen raschen Aufschwung erlebte. Da Frieden
und Sicherheit die Voraussetzungen für den Handel bilden, war
Wetzlar auf die Wahrung des königlichen Landfriedens und auf die
Existenz funktionierender Städtebündnisse angewiesen.
Bild Bündnisurkunde 13. Sept. 1325
-
Die vier wetterauischen Reichsstädte Gelnhausen,
Friedberg, Wetzlar und an der Spitze Frankfurt traten seit 1254
gemeinsam auf; so auch beim Bündnis von 1325, dessen Urkunde wir
hier sehen.
Die größte Bedeutung erreichte Wetzlar während der
Regierungszeit Ludwigs des Bayern (1314 - 1347). Dessen Nachfolger
Karl IV. bestätigte zwar nochmals eine Reihe Wetzlarer Privilegien,
blieb aber ansonsten der in Schwierigkeiten geratenen Stadt fern.
Karl IV. ist jener römisch-deutsche Kaiser, der 1316 in Prag
geboren wurde und dort 1378 starb - und den Sie alle kennen.
In der Mitte des 14. Jahrhunderts begann Wetzlars unaufhaltsamer
Sturz von einer wohl-habenden Reichsstadt zu einem armen
Landstädtchen.
Die Ursachen für den Niedergang waren u.a.: ständige Kriege,
hohe Bündniskosten, die Pest, falsche Finanzpolitik, Bürgerunruhen,
Zusammenbruch des Handels, Verlust von Zoll- und Steuereinnahmen,
Verhängung von Reichsacht und Kirchenbann.
Kommen wir nun zur topographischen Gestalt der mittelalterlichen
Reichsstadt.
Bild Merianstich
- Seit der königlichen Privilegienbestätigung von 1180
entwickelte sich Wetzlar zu einer blühenden Reichsstadt. Ihre
mittelalterliche Ausdehnung kann man ganz gut auf einem Kupferstich
des berühmten Matthäus Merian aus dem Jahre 1646 erkennen. Er zeigt
den Blick auf Wetzlar und seine Vorstädte vom Bergfried der Burg
Kalsmunt aus.
- Wir sehen deutlich die Altstadt innerhalb der aus dem 13.
Jahrhundert stammenden Stadtmauer, deren Länge von 1,7 km von
einigen Türmen und fünf Stadttoren unterbrochen wird. Im
Stadtinneren sind insbesondere der Dom und das Franziskanerkloster
zu erkennen. Die mittelalterlichen Plätze, Gäßchen und Winkel haben
sich teilweise bis heute erhalten. Nach links führt die
turmbewehrte steinerne Lahnbrücke in die Vorstadt Langgasse mit dem
Hospital und weiter die Dillbrücke in die Neustädter Vorstadt.
Bild Heidenportal
- Im 12. Jahrhundert stand in der Mitte der Stadt eine prächtige
spät-romanische Basilika als Stifts- und zugleich Pfarrkirche der
Stadt und zeugte vom Wohlstand des Marienstiftes und der Wetzlarer
Bürger. Noch heute sind Teile des Westwerks, der nördliche
"Heidenturm" und das rundbogige Portal erhalten.
Bild Chorraum
- Schließlich wurde diese Kirche zu klein, und man begann mit dem
Bau einer gotischen Hallenkirche. Zuerst, kurz nach 1230, erfolgte
der Baubeginn des frühgotischen Chores, danach baute man ab etwa
1241 die gotische Kirche um die romanische herum und riß je nach
Baufortschritt die alten Teile ab. Die einzelnen Bauabschnitte kann
man noch heute an der Entwicklung des gotischen Stils ablesen. Man
kann auch erkennen, daß der Kirchenbauplan mehrmals verändert
wurde. Laufgänge führen ins Leere, Gewölberippen laufen scheinbar
sinnlos gegen die Wand, Torbögen wurden teilweise zugemauert.
Bild Westseite Dom
- Da brach die wirtschaftliche Not über Wetzlar herein.
Man schaffte es noch, den gotischen Südturm zu errichten und den
entsprechenden romanischen Turm abzubrechen. Der Mittelbau der
Westfront und der Nordturm blieben unvollendet.
Bild Südturm innen
- So dokumentiert der mächtige Bau der Stiftskirche nicht nur
Glanz und Macht der mittelalterlichen Reichsstadt, sondern auch
Geldnot und finanziellen Ruin in der Zeit nach 1350. Der Dom
spiegelt auf eindrucksvolle Weise das Schicksal der Stadt
wider.
Bild Lahnbrücke
- Aus der mittelalterlichen Blütezeit stammt auch die steinerne
Lahnbrücke, die erstmals 1288 erwähnt wird. Sie überspannt in
sieben hohen Bögen die Lahn und diente dem Handelsverkehr zur
sicheren Überquerung des Flusses. Sie ersetzte eine Furt durch die
Lahn. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war die mittelalterliche
Brücke Wetzlars einzige Lahnbrücke.
Bild Wöllbacher Tor
- Wie wir auf dem Merianstich bereits sahen, wurde Wetzlar rings
von einer starken Stadtmauer umschlossen. Große Teile davon wurden
im 19. und 20. Jahrhundert abgebrochen. Dennoch kann man die
Bauweise mit Sparbögen an den verbliebenen Mauerresten sehen. Auf
diese Weise ließ sich in kurzer Zeit und zu vertretbaren Kosten die
Stadtmauer im 13. Jahrhundert errichten. Zur Verteidigung wurden
damals alle Bürger herangezogen, die je nach Zunft oder Gemeinde
einen bestimmten Mauerabschnitt schützen mußten. Es gab in Wetzlar
7 Zünfte: Die Wollenweber, die Schneider, die Schmiede, die
Schuhmacher, die Bäcker, die Metzger und die Brauer; letztere
später durch die Leineweber abgelöst.
Bild Säuturm
- Leider ist von den zahlreichen Türmen und Toren nur der
Schneiderturm, heute Säuturm genannt, erhalten. Dieser
Mauerabschnitt war einst der Schneiderzunft zur Verteidigung
anvertraut. Als man später einen Durchlaß durch die Mauer brach und
einen direkten Zugang zur Schweineweide vor der Stadt gewann,
erhielt der Turm seinen heutigen Namen.
Der Raum innerhalb der Stadtmauern war so großzügig bemessen,
daß er selbst während Wetzlars Blütezeit nie völlig bebaut war,
sondern immer noch Platz für Gärten und großzügige Höfe blieb. Im
14. Jahrhundert hatte Wetzlar etwa 4.500 Einwohner. Dies klingt
wenig, aber deutsche Großstädte des Mittelalters hatten auch kaum
mehr als 10.000 Einwohner.
Bild Kornmarkt
- Da Wetzlar einst von Handwerk und Handel lebte, kommt den
Marktplätzen eine besondere Bedeutung zu. Da ist zum einen der
Kornmarkt im oberen Teil der Stadt direkt an der aus der
fruchtbaren Wetterau her führenden Straße gelegen. Der weite Platz
bot den Getreidefuhrwerken genügend Raum.
Bild Domplatz mit Marktgeschehen
- Der Hauptmarkt der Stadt war der Buttermarkt vor dem Dom. An
der Westseite des Buttermarktes lag das städtische Kaufhaus, das
Zentrum des städtischen Handels mit Waage, Zollstation, Ellenmaß
usw. Noch heute findet auf dem Domplatz der Wochenmarkt mit Blumen,
Obst, Gemüse und anderen Lebensmitteln aus der Region statt.
Bild Fischmarkt
- Nach Südwesten schließt sich der Fischmarkt an, der im
christlichen Mittelalter eine große Bedeutung hatte. Schließlich
wurde in der Fastzeit und immer freitags kein Fleisch, sondern
Fisch verzehrt. Der Fischmarkt ist eng zwischen die
mittelalterlichen Häuser gezwängt.
Bild Gotisches Fachwerkhaus
- Im engeren Stadtkern steht in der Gasse namens "Brodschirm" das
älteste Wetzlarer Fachwerkhaus aus dem Jahre 1356. Es dokumentiert
mit seinen vorkragenden Obergeschossen und seinen durchgehenden
Ständern die Fachwerkbaukunst des späten Mittelalters.
Bild Krämerstraße
- Die Krämerstraße stellt die Verbindung vom Buttermarkt zum
Eisenmarkt her. Noch heute drängt sich hier Geschäft an Geschäft.
Gassennamen geben oft wichtige Hinweise auf die frühere Nutzung der
Häuser, die Wohnungen bestimmter Gewerbetreibender oder auch die
Lage von Werkstätten.
Bild Eisenmarkt
- Auf diesem Platz wurden Eisenerzeugnisse aus der näheren und
weiteren Umgebung gehandelt. Im Raum um Wetzlar verarbeitete man
seit langem in sogenannten Waldschmieden das hier gefundene
Eisenerz. Eisenerzeugung bildete neben der bedeutenden Wollweberei
und Tuchherstellung einen wichtigen Wirtschaftsfaktor in Wetzlar.
Beide Erzeugnisse - Tuch und Eisen - wurden auch auf den
auswärtigen Märkten und Messen in Friedberg und Frankfurt
verkauft.
Bild Hospitalkirche
- Einen wichtigen Aspekt reichsstädtischen Lebens bildeten
Klöster, Ordensniederlassungen und Spitäler. Das städtische
Hospital zum Heiligen Geist wird erstmals in einer Urkunde des
Jahre 1262 genannt. Es lag außerhalb der Altstadt am reinigenden
Wasser der Lahn und diente anfänglich als Herberge für
durchreisende Pilger. Allmählich entwickelte es sich zu einem Heim
für Alte und Gebrechliche und versorgte auch Arme und Bettler. An
der Stelle der baufälligen Hospitalkapelle errichtete man 1764 die
Hospitalkirche als evangelisch-lutherische Predigtkirche im
Rokoko-Stil.
Bild Franziskanerkirchenchor
- Das geistliche Leben Wetzlars im Mittelalter wurde von den
Franziskanern mitbestimmt. Sie hatten ihr Kloster an der Stadtmauer
errichtet. Die Franziskaner durften auch dann seel-sorgerisch tätig
sein, wenn die Stadt unter Bann lag - und dies war ja seit dem Ende
des 14. Jahrhunderts immer wieder einmal der Fall.
Der Chor der um 1300 errichteten gotischen Franziskanerkirche
diente all´ die Jahrhunderte hindurch bis heute als Gotteshaus,
während das Langhaus und andere Klostergebäude seit dem 19.
Jahrhundert immer wieder umgebaut wurden und als Magazin, als
Gefängnis, als Schule, als Feuerwehrhaus und heute als Musikschule
dienten.
Bild Deutschordenshof
- Erwähnen muß man auch die Wetzlarer Niederlassung der
Deutschordensritter, die um 1285 gegründet wurde. In einem
ummauerten Bereich richtete der Deutsche Orden seinen aus Wohn- und
Nutzgebäuden bestehenden Wirtschaftshof ein. Von hier aus wurden
die umlie-genden Güter des Ordens verwaltet. Die große
Ordensherberge wurde in ihrer heutigen Gestalt im frühen 18.
Jahrhundert errichtet. Sie beherbergt heute das Stadtmuseum,
während in der ehemaligen Zehntscheune das Industriemuseum mit
heimischen Produkten untergebracht ist. Der moderne Museumseingang
führt nach rechts in das neue Viseum, einem Museum, in dem man
optische Phänomene kennenlernen kann.
Bild Lottehaus
- Das bekannteste Bauwerk im Deutschordenshof ist allerdings das
Wohnhaus des Amt-mannes. In diesem Haus lernte Johann Wolfgang
Goethe, der angehende Jurist, der später zum berühmtesten deutschen
Dichter wurde, im Sommer des Jahres 1772 die Tochter des Amtmannes,
Charlotte Buff, kennen. Er verliebte sich in dieses junge Mädchen,
das jedoch bereits mit dem Legationssekretär Christian Kestner
verlobt war.
Bild Jerusalemhaus
- Nach seinem Weggang aus Wetzlar erfuhr Goethe, daß sich der mit
ihm befreundete Karl Wilhelm Jerusalem in diesem Haus aus
gekränktem Ehrgeiz und unglücklicher Liebe erschossen hatte. Aus
dessen Schicksal und seinem eigenen schmerzlichen Erleben schuf
Goethe 1774 den Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers". Dieses
erfolgreiche Buch machte Wetzlar zur Goethestadt und den
Deutschordenshof und das Jerusalemhaus bis in die heutige Zeit zu
Pilgerstätten für Verehrer des großen Dichters.
Aber - weshalb hielt sich Goethe eigentlich in Wetzlar
auf?
Blenden wir in der Stadtgeschichte nochmals zurück!
Das 15. und 16. Jahrhundert bedeuteten für Wetzlar Verarmung und
Not. Die Zahl der Einwohner sank zeitweilig unter 2000, Häuser
waren unbewohnt, ganze Straßenzüge und Vorstädte verödeten. Die
einst so stolze Reichsstadt bot ein Bild des Elends. Durch die
Reformation wurde die Stadtbevölkerung 1542 evangelisch-lutherisch,
das Marienstift blieb katholisch. Da man aus Geldmangel keine neue
Kirche bauen konnte, hielten seit der Reformation beide
Konfessionen ihren Gottesdienst in der Stifts- und
Stadtpfarrkirche: Katholiken im Chorraum, evangelische
Stadtgemeinde im Kirchenschiff.
Bild Filipek
- Der evangelisch-lutherische Stadtrat versuchte, die schlechte
wirtschaftliche Lage im Jahre 1586 durch die Aufnahme von 60
Familien wallonischer Glaubensflüchtlinge zu verbessern. Wetzlar
hatte zu jenem Zeitpunkt etwa 2600 lutherische und 50 katholische
Einwohner, so daß die 60 calvinistischen Familien mit zusammen etwa
350 Personen über 11 % der Bevölkerung ausmachten.
Bild Alte Münz
- Aber auch die französisch sprechenden Wallonen führten keine
durchgreifende Verbesserung herbei, obwohl einige Familien
offensichtlich rasch zu Wohlstand kamen und sich recht ansehnliche
Häuser erbauen konnten. Wir erkennen die Häuser der
Glaubensflüchtlinge oft an französischen Inschriften.
Die Gelegenheit zu neuem Wohlstand sollte sich erst 100 Jahre
später bieten.
Das 1495 unter Kaiser Maximilian gegründete Reichskammergericht
hatte seit dem 16. Jahrhundert seinen Sitz in Speyer. Dort
bedrängten es Ende des 17. Jahrhunderts die Franzosen.
Bild Kammerrichter im RKG-Museum
- Die Kammerrichter suchten nach einer Ausweichmöglichkeit und
fanden sie im Jahre 1689 schließlich in Wetzlar. Wetzlar eignete
sich hervorragend, da es 1. eine Reichsstadt war, 2. in der Nähe
des attraktiven Frankfurt lag, 3. gegenüber allen drei Konfessionen
(katholisch, lutherisch und reformiert) Toleranz bewies und sich 4.
bereit erklärte, geeignete Räume für das Gericht zur Verfügung zu
stellen.
In Folge der Übersiedlung des höchsten deutschen Gerichts zogen
seit 1690 rund 900 Personen in die heruntergekommene Stadt. Eine
rege Bautätigkeit begann, neue Berufszweige entstanden. Zudem
mußten zahlreiche Besucher des Gerichts aus ganz Deutschland
untergebracht und versorgt werden. Das Gastgewerbe erlebte einen
bis dahin ungekannten Aufschwung, und Wirte zählten bald zu den
vermögendsten Wetzlarern.
Die Bürgerschaft hatte zwar nicht teil an der vornehmen Welt der
meist adligen Kameralen, aber sie zog ihren Nutzen daraus. Ich
möchte Ihnen nun einige Bilder von Wetzlarer Neubauten der
Reichskammergerichtszeit zeigen, die noch heute das Stadtbild
prägen.
Bild Römischer Kaiser
- Im Jahre 1767 wurde am Kornmarkt das barocke Theater, Ball- und
Gasthaus "Zum Römischen Kaiser" erbaut. Das Wirtshausschild, die
Figur eines Kaisers, soll Franz I. darstellen, den Gemahl Kaiserin
Maria Theresias, der von 1747 bis 1765 die Kaiserwürde inne hatte.
In diesem Haus trafen sich die Kameralen zu gesellschaftlichen
Ereignissen und Festen. Das Wetzlarer Kulturleben hatte durch die
Kameralen reiche Impulse erhalten: Es fanden Konzerte und
Theateraufführungen statt; man traf sich in Lesezirkeln und
Bibliotheken.
Bild Goethewohnhaus
- Hier wohnte Goethe in jenem Sommer des Jahres 1772, als er am
Reichskammergericht auf Wunsch seines Vaters ein Praktikum
absolvieren sollte. Der junge Herr Praktikant beschäf-tigte sich
seltener mit Prozessen, dafür häufiger mit seinen literarischen und
sonstigen Neigungen.
Bild Engelsgasse 3
- Dieses Haus mit mehrstufigem Treppenportal wurde 1766
errichtet. Über der Haustür bilden die ineinander verschlungenen
Initialen LDFH das Monogramm des Prokurators Licentiat Damian
Ferdinand Haas, des Erbauers dieses Anwesens.
Bild Pariser Gasse
- Über zwei Generationen waren die Freiherren von Zwierlein als
bedeutende Juristen am Reichskammergericht tätig. Seit 1736 lebte
die Familie in diesem Gebäude. Im 19. Jahrhundert dienten die Räume
im Untergeschoß als Poststation. Heute befindet sich in den
prachtvollen Zimmern ein stilvolles Restaurant.
Bild Zuckergasse
- 1694 eröffnete in diesem Haus der Buchdrucker Georg Ernst
Winckler die erste bedeutende Druckerei Wetzlars, die über mehrere
Generationen im Familienbesitz blieb. Hier wurde ab 1767 die erste
Wetzlarer Zeitung gedruckt, die "Wetzlarischen Anzeigen". Diese
Zeitung diente anfangs als Mitteilungsorgan für das
Reichskammergericht und wurde erst später zu einem allgemeinen
Mitteilungsblatt.
Bild Kornblumengasse 1
- Das 1740 von einem Prokurator erbaute Palais wurde ab 1756 von
Assessor Franz von Pape, gen. Papius beträchtlich erweitert und
erhielt eine aufwendige, größtenteils erhaltene Innenausstattung.
Herr von Pape war durch Bestechungsgelder reich geworden, was durch
die Visitation des Gerichtes ans Tageslicht kam. Der bestechliche
Assessor wurde seiner Ämter enthoben und mußte die Stadt verlassen.
Heute befindet sich in dessen Palais eine erlesene Sammlung
europäischer Wohnkultur, die z. Zt. allerdings geschlossen
ist.
Bild Avemann´sches Haus
- Dieses prächtige Gebäude war von Papius erbaut und dann an
verschiedene Reichs-kammergerichts-Familien vermietet worden. Es
beherbergt das Reichskammergerichts-Museum, das die Geschichte und
Funktion dieses Gerichts deutlich macht.
Bild Alte Kammer
- 1693, also drei Jahre nach dem Umzug nach Wetzlar, trat das
Hohe Gericht zu seiner ersten öffentlichen Sitzung zusammen. Da in
der kurzen Zeit kein eigenes Gebäude errichtet werden konnte,
stellte die Stadt ihr Rathaus als Sitz des Reichskammergerichts zur
Verfügung. Bis 1806 diente das ehemalige Rathaus den Audienzen des
Reichskammergerichts. Das Gebäude steht noch immer am Fischmarkt
und ist mit dem doppelköpfigen kaiserlichen Adler geschmückt.
Bild Westseite Buttermarkt
- Der Buttermarkt, der zentrale Marktplatz der Stadt, wird heute
von einer prächtigen barocken Häuserfront nach Westen hin
abgeschlossen. Diese geschlossene Fassade "verdanken" wir einem
Großbrand, der im Jahre 1779 an dieser Stelle wütete.
Bild Emerich-Haus
- Viele Juristen und auch gebildete Bürger hatten sich mit den
Ideen der Französischen Revolution auseinandergesetzt und begrüßten
sie. Einer der wenigen radikalen Anhänger der Revolution war der
Prokuratorensohn Friedrich Joseph Emerich, der in diesem Haus am
Fischmarkt lebte.
Die französischen Revolutionskriege bedingten erhebliche
Verschiebungen auf der politi-schen Landkarte und machten
Entschädigungen der Fürstenhäuser für verlorengegangenen
linksrheinischen Besitz notwendig. Dies führte zu Säkularisierungen
und Mediatisierungen.
Auch die Reichsstadt Wetzlar verlor im Jahre 1803 ihre
Reichsunmittelbarkeit und wurde dem geistlichen Fürsten und
Kurerzkanzler Carl Theodor von Dalberg zugesprochen. An die Stelle
reichsstädtischer Selbstverwaltung trat nun die kurfürstliche
Beamtenregierung Dalbergs.
Bild Ulmenstein-Stadtplan
- Die ganze Rückständigkeit der ehemaligen Reichsstadt trat im
Jahre 1806 zutage. Als Kaiser Franz die Kaiserwürde niederlegte und
das Heilige Römische Reich deutscher Nation aufgelöst wurde, endete
zugleich die Arbeit des Reichskammergerichts. Das gesamte Personal
wurde entlassen.
Da sich die Wirtschaft der Stadt Wetzlar völlig auf die
Bedürfnisse des Reichskammer-gerichts eingestellt hatte, traf die
Auflösung dieses Gerichts die Stadt besonders schwer. Zahlreiche
Kameralen verließen mit ihren Familien und ihrem Personal Wetzlar.
Die Immo-bilienpreise stürzten ins Bodenlose; die Nachfrage nach
Luxusgütern blieb aus; Hotels und Gaststätten hatten keine
Kundschaft mehr. Wetzlar geriet in seiner Geschichte ein zweites
Mal in größte Not. Die Einwohnerzahl sank von über 5.000 auf knapp
4.200, und alle Versuche einer wirtschaftlichen Belebung blieben
zunächst erfolglos. Noch im 19. Jahrhundert hatte die Stadt ihre
mittelalterliche Ausdehnung nicht überschritten.
Bild Historischer Atlas Wiener Kongreß
- Auf dem Wiener Kongreß wurde Mitteleuropa neu geordnet. Während
Ihre Stadt Písek beim Königreich Böhmen verblieb, kam Wetzlar zum
Königreich Preußen. Am 27. Juli 1815 wurde aus der ehemaligen
Reichsstadt eine Kreisstadt in der preußischen Rheinprovinz. Aber
auch die Zugehörigkeit Wetzlars zum Königreich Preußen konnte den
weiteren Niedergang nicht aufhalten. Zahlreiche Einwohner verließen
die Stadt in Richtung Amerika in der Hoffnung, in der Fremde ihr
Glück zu machen.
Bild Bahnhof
- Die Situation begann sich in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts zu bessern. Ab 1850 war die Lahn vom Rhein bis
oberhalb Wetzlar schiffbar. 1862 nahm die Bahnlinie Gießen -
Wetzlar - Köln ihren Betrieb auf; ein Jahr später folgte die
Strecke Gießen - Wetzlar - Koblenz. Nun konnten schwere Massengüter
transportiert werden, und die Eisenindustrie an Lahn und Dill
begann sich zu entwickeln.
Bild Buderus
- Im Jahre 1872 wurde in der Nähe des Wetzlarer Bahnhofs der
erste Hochofen der Firma Buderus angeblasen. Neben der
Buderus´schen Sophienhütte entstanden bald weitere Betriebe der
Schwerindustrie, die das Bild Wetzlars bis in die 80er Jahre des
20. Jahrhunderts prägten.
Bild Leitz
- Ein weiterer wichtiger Industriezweig wurzelt ebenfalls in der
Mitte des 19. Jahrhunderts: die optisch-feinmechanische Industrie.
Ihre Ursprünge gehen auf Karl Kellner und sein 1849 eingerichtetes
Optisches Institut zurück. In diese Werkstatt trat 1864 Ernst Leitz
ein, der aus dem Kleinbetrieb eine Fabrik machte, die unter seinen
Söhnen schließlich Weltgeltung erlangte. Heute ist die Firma zwar
nicht mehr in Familienbesitz und mußte ihre zeitweise rund 6.000
Mitarbeiter umfassende Belegschaft stark reduzieren, dennoch werden
weiterhin hervorragende Präzisionsgeräte, vor allem Mikroskope und
die erfolgreiche Kamera Leica, gebaut.
Bild Hensoldt
- Die Firma Hensoldt, heute Teil der Zeiss-Gruppe, ging aus einem
kleinen Betrieb Moritz Hensoldts, 1865 nach Wetzlar verlegt,
hervor. Sie produziert überwiegend Ferngläser und profitiert
besonders von der Nachfrage des Militärs nach derartigen
Produkten.
Die spät einsetzende Industrialisierung hatte zur Folge, daß in
Wetzlar kein Proletariat entstand, sondern die Bevölkerung in
kleinstädtischen und ländlichen Strukturen lebte. So wenig wie es
zu linken Ausschreitungen kam, so wenig kam es (zunächst) auch zu
rechten. Bei der Kommunalwahl im März 1933 gaben nur 27 % der
Wähler den Nationalsozialisten ihre Stimme.
Bild Gedenkstein Juden
- Die Zurückhaltung hat jedoch nichts bezweckt, und schließlich
wurden auch in Wetzlar Andersdenkende und Juden verfolgt. Es ist
eine Aufgabe der nachwachsenden Generationen, angemessen an die
dunklen Seiten der Vergangenheit zu erinnern und die Aussöhnung
voranzubringen.
Bild Zerstörung WK II
- Im Jahre 1944 hat dann der Luftkrieg auch Wetzlar erreicht.
Zwar wurden Industrie- und Bahnanlagen sowie der Industrievorort
Niedergirmes in erheblichem Umfang zerstört, aber die Stadt selbst
war glücklicherweise nur zu 20 % betroffen.
Nach Kriegsende wurde Preußen, zu dem Wetzlar seit 1815 gehört
hatte, aufgelöst, und unsere Stadt wurde dem neugeschaffenen
Bundesland Hessen zugeordnet.
Bild Neubauviertel
- Das enorme Bevölkerungswachstum, vor allem durch die Aufnahme
von über 6.000 Heimatvertriebenen, zwang zu einer erheblichen
Ausweitung der Stadt durch Neubauviertel. In den ersten
Nachkriegsjahren wuchs Wetzlar immerhin auf über 30.000 Einwohner
an.
Bild Neues Rathaus
- Im Zuge allgemeiner Gebietsreformen in Deutschland in den
1970er Jahren hatten Kommunalpolitiker die Idee, aus der Stadt
Wetzlar, der Nachbarstadt Gießen und den dazwischen liegenden
Gemeinden eine neue Großstadt "Lahn" zu bilden. Nach deren baldiger
Auflösung erhielt die Stadt Wetzlar ihre heutige Gestalt mit 8
neuen Stadtteilen und insgesamt ca. 53.000 Einwohnern. Wetzlar
erhielt den Titel "Sonderstatutsstadt" und wird vom Rathaus im
ehemaligen Leitz-Gebäude aus verwaltet.
Ich hoffe, es ist mir gelungen, zu zeigen, wie sich Wetzlar vom
Mittelalter bis heute durch alle Höhen und Tiefen hindurch
entwickelt hat. Und ich hoffe auch, Sie ein wenig neugierig gemacht
zu haben, diese Stadt einmal zu besuchen und selbst in Augenschein
zu nehmen.
Datum souboru: 10.6.2008